Was ist eigentlich Lernen ?
Sind Lernfreude und Lehrfreude
das gleiche ?
Das Haus des Lernens lehnt sich an einen hebräischen Begriff Haus des Buches an - und während Schule in der abendländischen Gesellschaft traditionsbewusst den Gegensatz zur Erwachsenenwelt darstellt, ist das Haus des Lernens...
- ein Ort, in dem alle absolut willkommen sind, Lehrende wie Lernende, in ihrer persönlichen Eigenart angenommen werden und auf ihre persönliche Eigenart Rücksicht genommen wird;
- in dem Zeit zum Wachsen und gegenseitige Rücksichtnahme gegeben wird;
- ein Ort, in dem die Räume zum Verweilen einladen, dessen Angebote und Herausforderungen zum Lernen und zur selbsttätigen Auseinandersetzung motivieren;
- ein Ort, in dem Umwege und Fehler erlaubt sind und Bewertungen (nicht Noten) als Feed-back im Sinne von Orientierung und nicht Benotung angesehen werden;
- ein Ort, in dem intensiv gelernt wird, weil die Freude am Lernen dort
ansteckend ist;
- ein Ort, in dem allen Lernenden das Vertrauen entgegengebracht wird, dass sie dort ein Stück ihres Lebens selbst gestalten und reifen:
- ein Ort, in dem Lernkompetenz aufgebaut wird, weil Lernen als ganzheitliches und umfassendes Geschehen angesehen wird;
- die Lernkultur im Haus des Lernens ist ein interaktiver sozialer Prozess Lernen ist ein dialogischer Vorgang und setzt deshalb auch die Initiative des Lernenden voraus.
Schule als ein Haus des Lernens und Lebens
In den 70-er Jahren galt grundsätzlich bei Schulentwicklung das sogen. Topdown-Verfahren - am Beispiel der Einführung von OS, bei den Diskussionen um die Gesamtschule, bei dem Wunsch nach Einrichtung von Ganztagsschule oder Schulkindergärten usw. kamen die entscheidenden Anstöße in der Regel von oben .
Innerschulisch lief bezogen auf Schulentwicklung wenig. Ja von unten wurde eigentlich nichts zur Kenntnis genommen - allenfalls die Politik in der Kommune war auf dem Wege, sich intensiv um die Schulentwicklung zu kümmern.
Eine Reform des Gesamtsystems war schon erkennbar - aber ohne eine Entwicklung von unten nicht durchführbar.
Die Schule selbst ist der Hauptmotor für Schulentwicklung
In den letzten 20 Jahren dieses Jahrhunderts begann nun gesellschaftlich eine Umorientierung: Nach einer Phase relativer Unübersichtlichkeit der Verhältnisse folgte die Phase der Sektorisierung und Individualisierung.
Maßgeblichen Anteil an der Fortentwicklung des Schulsystems sollten zukünftig die Einzelschulen haben: die Entwicklung von unten (bottom-up) war plötzlich wichtiger als eine von oben verordnete Entwicklung.
Die Tendenz nun, Schule als Hauptmotor für Schulentwicklung zu begreifen, ist allerdings kein typisch deutsches Phänomen - trotz unterschiedlicher Ausgangssituationen und verschiedener Lösungsmodelle herrscht dieses Phänomen in ganz Europa vor - und selbst in dem traditionsbehafteten Frankreich mit seiner zentralistischen Ordnung werden in dieser Richtung Anstrengungen unternommen.
Europaweit beginnen von nun an Organisationsformen der Bildung einem grundlegenden Veränderungsprozess zu unterliegen: statt staatlicher Steuerung eben mehr Entbürokratisierung.
Neue Leitbilder sind von nun an Dezentralisierung, Entbürokratisierung, keine unmittelbare Kontrolle von Verwaltungseinheiten
Für Schule bedeutet dies größere Gestaltungsfreiheit sowie mehr Verantwortung der Einzelschule, Neubestimmung von Kompetenz und Neubestimmng des Rollenverständnisses der in Schule handelnden Personen.
Von Situationen die sich aufgefächert haben
Als Folgen für die Situation und das Handeln in Schule ergaben sich aus der Auffächerung der neuen soziologischen Situation:...
- die SchülerInnen und die Eltern des Betriebes Schule haben sich mit ihrem Umfeld so verändert, dass Schule ihrerseits gar nicht umhin kam, dies entsprechend wahrzunehmen;
- ausschlaggebend dafür war auch ein sich veränderndes lokales Umfeld: in den Schulprogrammen kamen schon recht frühzeitig (seit Mitte der 80er Jahre) Projekte auf, wie A gemeinwesenorientierte Schule oder Öffnung von Schule,
- andererseits war aber schnell auch klar, dass die Qualität von Schule immer nur so hoch sein kann, wie gut die Menschen (Lehrer, Betreuer, Engagement der Eltern usw.) in ihr sind und arbeiten;
- gleichfalls bestimmt aber eine hohe Schulqualität immer auch eine
positive und weiterführende Entwicklung von Schule.
Nach wie vor: Ein WIR Gefühl regelt den Betrieb Schule am besten
Wie weit also Schule sich öffnet, ist eine Frage,
welche Möglichkeiten die in der Schule arbeitenden Menschen haben.
Wie sie ihr System sehen, wie sie eins werden mit ihrem Betrieb sind weitere Fragen, die den Begriff Schulentwicklung bestimmt. Der Begriff corporate identity- bislang nur auf Wirtschaftsbetriebe beschränkt, begann sich auch in Schule einzunisten und gliederte sich ebenso wie in der Wirtschaft in die Unterbereiche:
corporate culture - corporate communication - corporate design
Mit diesem Begriff begann man den WIR-Begriff zu veranschaulichen. Ziel blieb, die ganzheitliche Gestalt der Schulorganisation darzustellen. Imagepflege nach außen schien für die Mitarbeitermotivation ebenso wichtig wie Erscheinungsbild und Mitarbeiterpflege nach innen. Strategisch wie konzeptionell entwickelten sich Methoden, die Motivation und die Arbeitszufriedenheit zu verbessern, wobei natürlich der eigentliche Effekt, den die Wirtschaft mit CI beabsichtigt, nicht erreicht werden kann, weil einerseits der Wertschöpfungsprozess in Schule ein anderer ist und andererseits die Mitarbeiter anders als in der Wirtschaft sich absolut freiwillig diesem Identifikationsprozess unterwerfen.
Dennoch begann auch in Schule mehr und mehr zu gelten, dass Lehrkräfte, die real ihre Arbeitssituation mitbestimmen können, eine festere Bindung an Schule entwickeln, bis hin zu den Überzeugungstätern, die als Frage formulierten: A Ich will, dass alle meine Schüler selbstbewusst von ihrer Schule reden.
Weitere Begründungen sind...
Neben dem Begriff des Corporate Identity lieferte der zunächst als Schlagwort aus der Wirtschaft übernommene Begriff Organisationsentwicklung ein weiteres Stichwort zur Reform von Schule. Hochkomplexe Systeme können nicht zentral fein gesteuert werden:
Dezentralisierung, Delegation von Kompetenzen müssen die Antworten sein auf die differenzierten Fragen vor Ort. So problematisch zunächst die Übernahme von Begriffen aus der Wirtschaft erschien, so schmackhaft erschien selbst Pädagogen der Gedanke, diesen Prozess für sich zu verwenden. Zwar äußerten Skeptiker, dass sich Pädagogik nicht in Gewinn- und Verlustrechnung bilanzieren lässt (weil nicht messbar) - allerdings war man eher bereit auf die Befürworter zu hören, weil schließlich auch Schule Konzepte für eine effiziente Steuerung ihrer Außenbeziehungen und ihrer Binnenstruktur benötigt: Der Gedanke, dass auch Schule echtes Management braucht, begann sich mehr und mehr durchzusetzen und die Aussagen des Hartmut von Hentig, dass die Schulen die Probleme selbst anpacken müssen, denn (Zitat: die Schulen werden das Bessere nicht leisten, wenn sie es nicht wollen), fiel bei Pädagogen wie Schulmanagern auf fruchtbaren Boden. Aus dem Organisationsmodell Aufsicht wird sehr schnell das Modell Unterstützung - man braucht ja die Hierarchiepyramide nur umzukehren. Die eigentlich Top-down-Steuerung wird dabei gedanklich verdrängt durch die Absicht, innerhalb der verschiedenen Hierarchieebenen Netzwerkteams zu installieren.
Organisationsentwicklung ist der Ansatz, eine Organisation von innen her zu entwickeln - für Schule bedeutet dies, im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Situation eigene Entwicklungsaufgaben zu stellen, diese umzusetzen und dabei lernfähig zu werden und zu bleiben. Entscheidend dabei ist die Fähigkeit des Kollegiums, Teams zu bilden und in Teams zu arbeiten. Der Erfolg ergibt sich in einem geregelten MIT-einander (einschließlich Mit-informieren, -denken, -arbeiten, -entscheiden, -verantworten bis hin zum MIT-erfolg). Dabei gilt es, die Synergien aller Mitarbeiter zu nutzen (das Gold in den Köpfen der Mitarbeiter zu heben). WIR wollen und wir WOLLEN sind die Sätze, die sich ein Kollegium nun stellen muss, um gemeinsam eine Vision zu verwirklichen.
... und natürlich auch:
Natürlich wäre es verlogen, die volkswirtschaftliche Seite (bez. den betriebswirtschaftlichen Begründungsansatz) zu verheimlichen. Wenn die finanziellen Verfügungsmöglichkeiten über die Sachmittel flexibler gehandhabt werden können, können sie auch bedarfsgerechter und damit sparsamer eingesetzt werden. Insbesondere im Hinblick auf die knappen Finanzmittel in öffentlichen Haushalten wird so eine günstigere Kosten-Nutzen-Relation erreicht.
Wenn dabei einige Schulen - insbesondere im Berufsbildenden Bereich - schon soweit gehen, dass sie sich auf dem Bildungsmarkt als Alternativ-Anbieter (also in Konkurrenz zu anderen Anbietern) verstehen und den Hochschulen zukünftig auferlegt wird, unternehmerisch tätig zu sein - erscheint das sicher zur Zeit noch übertrieben - aber auch hier machen verschiedene Bildungsbereiche (wie PPS-Salzgitter) ja vor, dass eine Effizienzsteigerung und Qualitätsverbesserung auch so denkbar ist.
Sicher ist dieses Denken noch weit weg von der pädagogischen Arbeit allgemein bildender Schulen - andererseits ist das Sponsoring und die Jagd nach finanzieller Unterstützung durch Firmen u. ä. längst ausgebrochen und bei vielen Schulen gang und gebe. Die Fragen nach Abhängigkeiten stellen sich hier unter ganz neuem und ungewohntem z. T. natürlich auch fragwürdigem Lichte.
... und Spannungen bleiben nicht aus ...
Erweiterte Selbstständigkeit und gesellschaftliche Individualisierung treffen aufeinander:
aber die Chancen zu mehr Selbstentfaltung und Freiheit gehen einher mit einem möglichen Verlust an Gemeinsinn und sozialem Zusammenhalt. Eine Pädagogik der Vielfalt darf Erfahrungsmöglichkeiten von Solidarität nicht vernachlässigen und so müssen die Chancen der Selbstentfaltung eben immer eingebunden werden in ausgleichende Maßnahmen, die Chancengerechtigkeit sichern und besondere Belastungen und Standortnachteile kompensieren.
Und: Je mehr Gestaltungsfreiheit die Einzelschule besitzt, umso stärker wird auch die Notwendigkeit, dass sie über ihre Ergebnisse Rechenschaft abliefert.
Ein ganz besonderes Spannungsfeld besteht aber zwischen pädagogisch begründeten Zielsetzungen (also der Unterstützung von Bildungs- und Demokratisierungsprozessen) einerseits und den eher fiskalisch und funktional ablaufenden Überlegungen zur Effizienzsteigerung.
Es ist also immer zu berücksichtigen:
a) die pädagogische Arbeit in der Schule lässt sich eben weniger rationalisieren (also nach Effizienzkriterien ausrichten) als die ökonomische Produktion bez. die Verwaltungsarbeit
b) die erweiterte Selbstständigkeit der Schule muss von den Beteiligten akzeptiert werden. Sie darf nicht erfahren werden als verstärkte
- Arbeitsbelastung
- Zeitbelastung
- Verantwortungszumutung
sondern muss befriedigende Selbstbestimmungsmöglichkeiten ebenso erfüllen, wie durch Anreiz- und Unterstützungssysteme gefördert werden.
Allgemeine Leitbilder
Daraus ergibt sich, dass zukünftig neue Leitbilder entstehen, die den Weg von Schulentwicklung natürlich bestimmen.
Das selbstständige Handeln der Einzelschulen und die Entwicklung einer Vielzahl von Profilen lässt Schulen insgesamt auf veränderte Lernvoraussetzungen eingehen und auf die gesellschaftlichen Anforderungen pädagogisch antworten.
Damit wird nicht die staatliche Gesamtverantwortung des Bildungswesens infrage gestellt: der Bildungsauftrag der Gesellschaft und die Gleichheit der Bildungschancen einschl. einer angemessenen Ausstattung bleiben erhalten.
Wenn nun immer mehr Schulen angeregt werden, dieser pädagogischen Profilbildung zu folgen, werden insgesamt alle Schulen unter solch einen Veränderungsdruck geraten, dass sich Kollegien diesem Drucke nicht werden entziehen können. Die Kollegien müssen diese erweiterte Selbstständigkeit von Schule akzeptieren - eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen darf aber ebenso wenig die Folge sein wie ein Abkoppeln einzelner Gruppen innerhalb der Schule (Eltern, Schulbehörden usw.).
Eine Realisierung selbst kann nur schrittweise erfolgen anhand eigener Themen und bei selbstbestimmtem Tempo; gleichzeitig muss sich mit den anderen Schulen im Rahmen einer Vernetzung abgestimmt werden. Gegenseitiger Erfahrungs- und Informationsaustausch bis hin zu einer Vernetzung der einzelnen Schulen dienen der Kompetenzerhöhung.
Die gesellschaftliche Akzeptanz muss durch Außenorientierung erhöht werden: außerschulische Personen, Gruppen, Einrichtungen werden mit einbezogen - die Öffentlichkeitsarbeit wird verstärkt.
Wenn eine wissenschaftliche Begleitung - zumindest aber eine (auch von außen eingesetzte) Begleitung im Sinne eines vernünftigen Feedback - eingerichtet werden kann, stellt dies sicher, dass der Prozess reflektierbar bleibt.
Der gegenseitige Austausch von Projekten - rein zur Information ist ein weiteres Mittel zur Motivation.
Das gegenwärtige Schulaufsichtssystem muss als Unterstützungssystem fungieren - und zwar im Sinne eines Beratungssystems und Fortbildungssystems.
Weitere Qualitätssicherungen werden durch Maßnahmen geleistet, die sowohl Lehrerinnen und Lehrer wie Schulleiter höher qualifizieren. Schwerpunkt hierbei sollte die Evaluationskompetenz sein.
Aufsichtliche Steuerung ist nicht mehr gefragt. In erster Linie sind die Festlegung von Rahmenvorgaben und Maßnahmen zur Qualitätssicherung ihre Aufgaben - auch hier sollten aber die Grundprinzipien der Organisationsentwicklung gelten.
Wie ist es aber tatsächlich? - Welche Gestaltungsspielräume ergeben sich?
Die Ist-Analyse zeigt, dass sich bisher ca. die Hälfte aller nds. Schulen mit einem entsprechenden Schulprogramm beschäftigt haben, wobei die berufsbildenden Schulen offensichtlich am weitesten vorangeschritten sind.
Die andere Hälfte wird erst auf Veränderungsdruck hin, und zwar durch die Gesellschaft, auf die eigene Entwicklungsbereitschaft hin, auf die Rahmenvorgaben oder/und auf die Schaffung von unterschiedlichen Anreiz- und Unterstützungssystemen reagieren.
In die Gestaltungsprozesse muss im Sinne einer Schatzsuche(nicht Defizitfahndung) die vorhandene Stärke der Schule herausgestellt werden.
Regionale Lehrerfortbildung und Unterstützungsangebote aus dem Bereich der Beratung sind mit einzubeziehen.
Unterschiedliche Sichtweisen (von Eltern und Schülern, von Betrieben und regionaler Öffentlichkeit müssen mit einbezogen werden, wenn es optimal anlaufen soll).
In jedem Fall hat die Mobilisierung der eigenen Kräfte Vorrang vor externer Beratung - letztere darf aber nicht außer vor gelassen werden.
... und wo sind die Handlungsfelder einer selbstständigen Schule?
Felder für ein Schulprogramm sind: (global gesehen)
a) im Unterricht und in der Erziehung:
- schulinterne Verständigungsprozesse über die Visionen einer wünschenswerten Schulwirklichkeit, gemeinsame Zielvereinbarungen hinsichtlich...
- Entwicklung und Umsetzung eines Schulprogramms mit Darstellung vorhandener Projektbausteine - Aufgabenverteilung - kalkulierbare Belastungen - eigene Gestaltungsfreiräume - verabredete Zeiten für Zwischen- und Endbilanzierungen - Teamarbeiten - Unterstützungspotenzial;
b) formale und informelle Netzwerke -
c) begleitende Öffentlichkeitsarbeit - Würdigung von Leistungen der einzelnen Kollegen;
d) Überprüfung von Grundsatzerlassen (z. B. Stundentafel, Projekttage, Betriebspraktika usw);
e) Lehrerstundenzuweisung und Klassenbildung;
f) Öffnung von Schulen;
g) Rahmenrichtlinien;
h) Auswahl von Lehrkräften und Besetzung von Funktionsstellen;
i) Haushaltsbudgetierung - flexible Arbeitszeiten usw.

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